Reinigung und Justierung von Ferngläsern

Ferngläser haben einen gewissen Wartungsbedarf. Zum einen können sich Justierungen lösen oder durch starke Erschütterung aus dem Lot geraten. Zum anderen besteht, je nach Nutzung und Lagerung nach 30 Jahren meist ein gewisser Reinigungsbedarf. Ältere Ferngläser sind i.d.R. relativ einfach aufgebaut und können normalerweise demontiert und gereinigt werden.

 

Spezialisierte Optikbetriebe reinigen und justieren Ferngläser für 80 - 100 Euro. Ein wertvolles Fernglas lohnt die Investition immer. Die Durchsicht ist nach der Wartung meist wesentlich besser als zuvor. Qualitätsferngläser sollten möglichst von Fachleuten mit geeigneten Spezialwerkzeug und Kollimator behandelt werden. 

 

Es kommt aber vor, dass die Instandsetzung durch eine Fachfirma wirtschaftlich nicht mehr lohnt. Für solche Fälle kann überlegt werden ein Fernglas auch selber zu warten. Voraussetzung für solche Arbeiten ist jedoch eine gewisse handwerkliche Erfahrung mit  mechanischen Geräten, Motoren, Modellbau o.ä..

 

Eine weitere wichtige Voraussetzung ist gutes, geeignetes Werkzeug, ausreichend Zeit und Bereitschaft zu überlegtem abwägendem Vorgehen.

Wichtig bei der Arbeit an empfindlichem optischem Gerät ist nichts zu übereilen, und keine unnötige Gewalt anzuwenden. Im Folgenden einige Empfehlungen für die Arbeit an Ferngläsern.

 

Es gibt gute englischsprachige Fachbücher bzw. Anleitungen zur Fernglasinstandsetzung. Ich habe gute Erfahrungen mit 'Monty Witt, Larry Lyells: Repairing & Adjusting Binoculars'  gemacht.

 

Wenn möglich sollte zunächst erste Erfahrung mit einem einfachen Porro I Fernglas gesammelt werden.

 

Besonders zu achten ist auf teils sehr kleinen Sicherungsschrauben mit denen z.B. Okular- und Objektivstutzen im Fernglasgehäuse gesichert sind. Solche Sicherungsschrauben können aber auch an unerwarteter Stelle bis in Okularen und an Justierringen 'auftauchen'. Sicherungs- und Justierschrauben können unter Belederungen und Gummierungen verdeckt liegen, besonders bei Dachkant-Ferngläsern.

 

Hilfreich für geordnetes Arbeiten ist ein Behälter (z.B. alter Schuhkarton) in dem die auseinander gebauten Teile nach Seiten sortiert aufbewahrt und geschützt für eine Weile beiseite gelegt werden können. Hilfreich sind auch Schälchen, umgedrehte alte Schraubverschlüsse von Behältern, Dosen, etc., in denen Kleinteile nach Fernglas-Seite sortiert aufbewahrt werden können.

 

Mit Digitalkamera oder Handykamera kann mit geringem Aufwand Lage und Anordnung von Teilen oder Linsen festgehalten werden. Auch einfache Handskizzen oder Markierungen auf Bauteilen können helfen.

 

Auf Linsen und Prismen niemals mit Schraubenziehern bzw. Metallteilen Druck oder Gewalt ausüben!! Zum Verschieben, Aufrichten oder Justieren von Linsen / Prismen immer Kunststoff oder Holzteile (Holzstäbchen) verwenden.

 

Wenn alle Sicherungen gelöst sind lassen sich alte Verschraubungen oder Stutzen eigentlich immer öffnen. Im Notfall kann mit Spezialspray (W40, Schraubenlöser) und / oder Erwärmung gearbeitet werden. Bei Erwärmung ist darauf zu achten, dass wärmeempfindliche Verkittungen von Linsen keinen Schaden nehmen. Teile ohne Verkittungen können im Backofen oder partiell mit Kerze erwärmt werden. Bei hartnäckigen Fällen hilft mehrtägiges Einwirken von Kriechöl und mehrfaches Erwärmen und Abkühlen.

 

An Sicherungsringen sollte nicht 'gemurkst' werden. Meist lässt sich mit geringem Aufwand ein einfacher Objektivschlüssel oder passendes Spezialwerkzeug aus Baumarkt-Profilblechen mit Säge und Feile herstellen. Im Notfall hilft ausnahmsweise ein stabiler Schlosserzirkel.

 

Sehr hilfreich für das beschädigungsfreie Öffnen aller eingeschraubten Okular- und Objektivstutzen sind aus alten Fahrradschläuchen geschnittene Gummistreifen von ca. 4 x 30 cm. Enttalkte und gereinigte Schlauchstreifen mit etwas Zug mehrfach um das zu öffnende, entfettete Teil wickeln und drehen. Damit lässt sich meist zerstörungsfrei ausreichend Drehmoment erzeugen.

 

Bevor größere Kraft und gar Gewalt mit 'Rohrzange' oder dergleichen angewandt wird sollte man sich die Fügung, das Ineinander der Bauteile noch einmal genau ansehen und sehen ob nicht noch andere Möglichkeiten bestehen.

 

Bei der Reinigung von Glasoberflächen vergüteten Ferngläsern der 40er bis 60er Jahre ist Vorsicht geboten. Die frühen Antireflex Beschichtungen auf Linsen und Prismen sind teilweise sehr empfindlich und nicht vergleichbar mit modernen Ferngläsern. Schon ein paar Wischer zu viel können zur Beschädigung, zur Ablösung oder Beeinträchtigung der Vergütung führen.

 

Ausbrüche an Linsen und Prismen (Chips) sind ärgerlich, aber meist kein 'Totalschaden'. Für gängigere Ferngläser z.B. von Carl Zeiss Jena bekommt man i.d.R. gebrauchte Ersatzteile. Bei Beschädigung von weniger als 15 % des optisch wirksamen Querschnitts kann die Schadstelle / Abplatzung mit einer deckenden dunklen Farbe beschichtet werden. Auf diese Weise wird Beeinträchtigung durch Streulichteintritt an der Bruchoberfläche verhindert. Die Strahlenoptik der Ferngläser ist erstaunlich Fehlerunempfindlich. Meist wird bei der späteren Fernglasnutzung keine Beeinträchtigung bemerkt.

 

Für Reinigung der Glasoberflächen gibt es unterschiedliche Empfehlungen. Gute Erfahrungen habe ich mit Vor- / Erstreinigung unter warmen Wasserstrahl, und weichem Pinsel mit ph-neutraler Flüssigseife gemacht (auch bei starker Verschmutzung, Sand, etc.). Wichtig ist vorsichtiges trockentupfen z.B. mit weichem Baumwolltuch (keine Kalkränder). Zur Endreinigung verwende ich Brennspiritus ggf. auch Aceton und Fielmann Brillentücher (preiswert). Zur Kontrolle gereinigter Glasoberflächen ist eine starke Lichtquelle hilfreich. Bei manchen Montagearbeiten können enganliegende Einmalhandschuhe, Pinzette und dünne Holzstäbchen helfen. 

 

Für die Justierung von Ferngläsern ist hier nur eine kurze Darstellung möglich.

Zur Justierung gehören i.d.R. zwei Arbeitsabschnitte. Der erste ist die Aufrichtung des Bildes und betrifft in der Hauptsache Porro I und teilweise Porro II Gläser. Bei der Wiedermontage von Prismen ist zu beachten, dass die Prismen jeweils genau im Winkel von 90° zueinander angeordnet sein müssen. Sind sie das nicht, verdreht sich das Bild. Gegeneinander verdrehte Bilder verursachen auch bei sonst hochwertigen Ferngläsern eine geringe Randschärfe und ein 'unruhiges' unstimmiges Bild. D.h. beide Teilbilder, links und rechts müssen eine horizontale Linie im gleichen Winkel anzeigen.

 

Nach der Bildaufrichtung ist die Kollimation der beiden optischen Achsen zur Achse des Fernglases herzustellen. Die optischen Achsen treffen sich dann in einem sehr fernen Punkt. Wenn die Kollimation nicht stimmt entstehen für den Betrachter 'Doppelbilder'.  Reparaturbetriebe verfügen über Kollimatoren mit denen beide Fernglasachsen zur Fernglas-Gehäuseachse justiert werden.

 

Für Privatleute bleibt zur Justierung ohne Kollimator nur ein behelfsmäßiges Verfahren: Die Fernglasachsen werden zueinander in Kollimation gebracht. Das geschieht indem die Justiereinstellung des Fernglases so verändert wird, dass die Bilder bei 10 - 20 cm Okular - Augenabstand vertikal auf gleicher Höhe bzw. auf einer gedachten horizontalen Linie dicht beieinander liegen. Die Bilder müssen nicht 100% prozentig übereinander liegen, sie dürfen aber zueinander keinen vertikalen Versatz haben.

 

Je nach Hersteller und Bauart gibt es verschieden Justiereinrichtungen. Gebräuchlich bei Porro-Gläsern sind:

 

-Exzenterringe an den Objektiven: Sicherungsring öffnen und Exzenterringe auf beiden Seiten synchron verstellen bis Kollimation stimmt.

 

-Prismenstühle (Bausch&Lomb Bauweise): Prismenstühle können mit 3 - 4 Stell- u. Sicherungsschrauben in ihrer Achse verstellt werden

 

-Kleine, gelegentlich kaum sichtbare oder mit farbigem Wachs verdeckte Stellschrauben im Gehäuse mit denen Prismen gekippt bzw. verschoben werden können (vorsicht Schräubchen meist empfindlich).

 

Dachkantgläser werden oft über jeweils 3 Stellschrauben am Prisma justiert. Die Schrauben sind entweder umlaufend am Gehäuse außen unter der Belederung angebracht (Belederung oder Gummierung vorsichtig ablösen. Bei neuen Stickstoff gefüllten Gläsern befindet sich zusätzlich eine Silikonabdeckung darüber), oder unter abschraub barer Abdeckung unter den Okularen.

 

Manche Dachkantgläser werden auch über Exzenterring an den Objektiven justiert. Darüberhinaus gibt es noch andere Lösungen.

 

Sehr preiswerte Ferngläser haben keine Justiereinrichtungen. Die Justierung erfolgt dann bei Porro-Gläsern durch Unterlegen von Papp- oder Alustreifen unter die Prismen.